Definitionen, Begriffe: Unter
Politikevaluierung (engl.: policy
evaluation) – Programmevaluierung (engl.: program
evaluation) - sind Analyseverfahren zu verstehen, die darauf gerichtet sind, die
Zielerreichung und Wirkungen staatlicher Politik/politisch-administrativen
Handelns zu erfassen und zu bewerten. Demnach kann Evaluierungsforschung als die systematische, sich
sozialwissenschaftlicher Methoden bedienende Konzipierung und Durchführung von
Evaluierung bezeichnet und insofern als Variante angewandter Sozialforschung eingestuft
werden. Zur Abgrenzung von konzeptionell und gegenständlich verwandten
Fragestellungen und Ansätzen mag der (in der Politikfeld-/Policyforschung
gebräuchliche) „Politikzyklus“ (policy
cycle): Politikformulierung, Politikimplemenation/-realisierung,
Politikbeendigung/ Wirkungen dienen: Während die Policy-Forschung auf eine umfassende
Analyse des Policy-Zyklus angelegt ist (und gewissermaßen als „Oberbegriff“
gelten kann), hebt die Implementationsforschung in erster
auf den Realisierungsprozess von Politik (und dessen Verknüpfung mit der Politikformulierung) ab, während die Evaluierungsforschung auf die Wirkungen
(und deren Bedingtheit durch die
vorherigen Policy-Phasen) fokussiert ist.
Je nach
Durchführungsphase und Aufgabenstellung werden gebräuchlich mehrere
Untersuchungsvarianten und -typen unterschieden:
·
Ex-ante Evaluierung zielt
darauf, die Wirkungen einer künftigen
Politik/Programm/ Maßnahme vorab abzuschätzen (pre-assessment).
·
Evaluierbarkeitsabschätzung
(evaluability assessment) soll vorab klären, ob die
fragliche Politik/Programm/Maßnahme evaluierbar sei.
·
Formative (oder – in neuerer
Diktion – on-going) Evaluierung setzt
während der Programm-/Maßnahmenrealisierung, nach Möglichkeit von deren
Anfang an ein; sie dient der früh- und rechtzeitigen Rückkopplung (feedback) von (Zwischen-) Ergebnissen an
die relevanten (politischen, administrativen und gesellschaftlichen) Akteure, um
etwaige Korrekturen noch während der laufenden Programm-/Maßnahmenrealisierung
zu ermöglichen.
Der
formativen Evaluierung steht die Begleitforschung nahe, innerhalb derer
wiederum zwischen a) einer („distanziert“) analytischen, b) einer (zusätzlich) kommunikativen und interaktiven (z.B. die Lernprozesse
innerhalb und außerhalb des laufenden Realisierungsprozesses aktivierenden)
und c) einer sich in diesen aktiv
einmischenden („intervenierenden“) Begleitforschung unterschieden
werden kann; die letztere weist Übergänge zur Aktionsforschung
auf.
·
Als Monitoring kann eine (laufende)
Beobachtung bezeichnet werden, die die interessierenden Veränderungen und
Wirkungen deskriptiv-analytisch zu erfassen sucht.
·
(Ex-post oder summative) Evaluierung wird erst nach
Abschluß des politischen Programms/der Maßnahme durchgeführt. Hat sie vor allem
die Aufgabe, den Zielerreichungsgrad zu ermitteln, ist vielfach von Erfolgskontrolle die Rede. Ist sie
darauf gerichtet, die Wirkungen (intendierte Wirkungen des Handlungsprogramms =
Ziele ebenso wie nicht-intendierte Wirkungen) zu erfassen und zu ermitteln, ob
und inwieweit die beobachtbaren Veränderungen auf das Handlungsprogramm (kausal)
zurückzuführen sind, kann von Wirkungsanalysen gesprochen werden.
Konzeptionelle Verwandtschaft weist die mit der Wirksamkeit/tatsächlichen
Geltung von Gesetzen befasste (meist der Rechtssoziologie zugeschriebene) Rechtstatsachenforschung
auf.
·
Effektivitätsuntersuchungen fragen
(im Wege eines Soll-Ist-Vergleichs) nach dem Zielerreichungsgrad
(„Erfolgskontrolle“) eines Programms/einer Maßnahme. Demgegenüber sind Effizienz- (oder
Wirtschaftlichkeits-)Analysen von Programmen/Maßnahmen darauf gerichtet, das
Verhältnis von Input (d.h. den
aufgewandten organisatorischen, personellen, finanziellen usw. Ressourcen) und
Output (d.h. den erreichten Zielen,
Handlungserträgen usw.), also (insoweit den Kosten-Nutzen-Analysen verwandt) die
Relation von Kosten und Nutzen zu ermitteln – sei es, ob mit
gegebenen Mitteln ein maximales Ergebnis erzielt worden ist (sog.
Maximumsprinzip) oder ein bestimmtes Ergebnis mit einem möglichst geringen
Aufwand und Mitteleinsatz erreicht worden ist
(Minimumsprinzip).
Entstehung und
Phasen der Politikevaluierung.: Die Politikevaluierung
erlebte in den 1960er Jahren (zunächst in den USA, dann in einer Reihe
europäischer Länder, darunter auch Deutschland) ihren Aufschwung und eine „erste
Welle“ (Wagner/Wollmann 1986, Derlien 1990), als diese Länder in eine Phase
interventions- und wohlfahrtsstaatlicher Reformpolitik eintraten und hierbei die
Vorstellung einer „geplanten“ und „rationalistischen“ Politik Geltung
beanspruchte, in der der Politikevaluierung eine zentrale Erkenntnis- und
Lernfunktion für Politik beigemessen wurde und die in einem Schub
„experimenteller Politik“, auch in der Bundesrepublik, ihren beredten
Ausdruck fand (Hellstern/Wollmann 1983). Rasch entwickelte sich die
Evaluierungsforschung zu einer regelrechten „Wachstumsindustrie“ (H. Freeman).
Über Regierungs- und politische
Strategiewechsel hinweg haben sich Evaluierung und Evaluierungsforschung
inzwischen in der Politik- und Verwaltungspraxis auf Bundes-, Landes- und
kommunaler Ebene als Analyse- und „Rückmelde“-Verfahren in einem breiten
Spektrum von Politikfeldern fest etabliert. Der für die EU-Strukturfonds
festgeschriebene Evaluierungsauftrag gab der Evaluierungsforschung neuen
Auftrieb. Weitere Anstöße sind von dem gegenwärtigen
Verwaltungsmodernisierungsschub (New
Public Management, Neues Steuerungsmodell) und seinem Imperativ der
Leistungstransparenz staatlichen
Handelns zu erwarten (Wollmann 2000).
Methoden:
Als
Spielart angewandter Sozialforschung macht dieEvaluierungsforschung vom gesamten
sozialwissenschaftlichen Methodenrepertoire Gebrauch. Hierbei spiegelt sie die
in den (vor allem US-amerikanischen) Sozialwissenschaften ausgetragenen
wissenschaftstheoretischen und methodischen Kontroversen in geradezu
exemplarischer Weise wider. Waren Diskurs und Praxis der Evaluierungsforschung
in den 1960er und 1970er Jahren vom neo-positivistisch-nomologischen
Wissenschaftsmodell und dementsprechend von experimentellen,
quasi-experimentellen und quantitativen Analyseverfahren und -methoden
dominiert, so haben in den letzten Jahren ein „post-positivistisches“,
konstruktivistisches und relativistisches Wissenschaftsverständnis und in dessen
Gefolge qualitativ-hermeneutische Methoden wachsende Anhängerschaft gefunden
(vgl. Guba/ Lincoln 1989: „fourth generation evaluation“). Gegenwärtig finden in
der Evaluierungsforschung ein (dem Wissenschaftstheoretiker I. Lakatos
folgendes) „realistisches“, am Objektivitätsanspruch und -streben der
Wissenschaft grundsätzlich festhaltendes Wissenschaftsverständnis
(Pawson/Tilley 1997) und ein (pragmatischer) Methodenpluralismus („Methodenmix“,
Wollmann/Hellstern 1977) offenkundig verbreitete Anerkennung und
Gefolgschaft.
Institutionalisierung
und Finanzierung von Evaluierung/Evaluierungsforschung. Das rasche Vordringen der
Evaluierungsfunktion schlug sich seit den 1960er Jahren einerseits im raschen
Auf- und Ausbau von mit der Durchführung, Vergabe und Auswertung von
Evaluierungsuntersuchungen befassten Verwaltungsteilen innerhalb der
Öffentlichen Verwaltung („in
house“-Evaluierung) nieder (Derlien 1976). Andererseits gingen Politik und
Verwaltung zunehmend dazu über, externe Forschungseinrichtungen (vielfach im
Wege offener und beschränkter Ausschreibungen oder aber auch „freihändiger“
Vergabe) mit der Durchführung von Evaluierungsuntersuchungen zu beauftragen
(„Auftragsforschung“) und zu finanzieren („Resortforschungsmittel“). Der größte
Teil der Auftragsforschung wird vom Sektor der privatwirtschaftlich operierenden
Forschungseinrichtungen, ein geringerer Teil von universitären
Forschungseinrichtungen bzw. deren „an-„Instituten bearbeitet. Die Ausbildung
einer professionellen „Evaluationsgemeinde“ (evaluation community) fand 1998 in der
Gründung einer „Deutschen Gesellschaft für Evaluierung“ (www.degeval.de) ihren
Ausdruck.
Bibliographie
Derlien, Hans-Ulrich 1976,
Die Erfolgskontrolle staatlicher Planung, Baden-Baden:
Nomos.
Derlien, Hans-Ulrich 1990,
Genesis and Structure of Evaluation Efforts in Comparative Perspective, in:
Rist, Ray C. (ed.) 1990, Program Evaluation and the Management of Government,
New Brunswick/London: Transaction, p. 147 –176.
Guba, Y./Lincoln E. 1989,
Fourth Generation Evaluation, London: Sage.
Hellstern,
Gerd-Michael/Wollmann, Hellmut, (Hg.), (1983): Experimentelle Politik –
Reformstrohfeuer oder Lernstrategie. Bestandsaufnahme und Evaluierung. Opladen:
Westdeutscher Verlag.
Hellstern,
Gerd-Michael/Wollmann, Hellmut, (Hg.), (1984): Handbuch zur
Evaluierungsforschung. Bd. 1, Opladen: Westdeutscher
Verlag.
Pawson, Ray/Tilley, Nick,
(1997): Realistic Evaluation. London etc.: Sage.
Stockmann, Reinhard (Hrsg.)
(2000), Evaluationsforschung, Opladen: Leske + Budrich
(i.E.).
Vedung, Evert 1999,
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Böhlau-Verlag.
Wagner, Peter/ Wollmann,
Hellmut (1986), Fluctuations in the development of evaluation research.
In:
International Social Science Journal, pp. 205-218.
Wollmann, Hellmut/Hellstern,
Gerd-Michael 1977, Wollmann, Hellmut/Hellstern, Gerd-Michael, (1977):
Sozialwissenschaftliche Untersuchungsregeln und Wirkungsforschung. In:
Haungs, Peter (Hg.): Res Publica. München, S. 415-466.
Wollmann,
Hellmut 2000, Evaluierung von Verwaltungspolitik. In: von Bandemer, Stephan u.a.
(Hrsg.), Handbuch zur Verwaltungsreform, 2. Aufl., Opladen
(i.E.).