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Politikevaluierung/Evaluierungsforschung
- . () . : Nohlen, Dieter (Hrsg.), Kleines Lexikon der Politik, Muenchen 2001, S. 380-383.

Definitionen, Begriffe: Unter Politikevaluierung (engl.: policy evaluation) Programmevalu­ierung (engl.: program evaluation) - sind Analyseverfahren zu verstehen, die darauf gerichtet sind, die Zielerreichung und Wirkungen staatlicher Politik/politisch-administrativen Handelns zu erfassen und zu bewerten. Demnach kann Evaluierungsforschung als die systematische, sich sozialwissenschaftlicher Methoden bedienende Konzipierung und Durchführung von Evaluierung bezeichnet und insofern als Variante angewandter Sozialforschung eingestuft werden. Zur Abgrenzung von konzeptionell und gegenständlich verwandten Fragestellungen und Ansätzen mag der (in der Politikfeld-/Policyforschung gebräuchliche) Politikzyklus (policy cycle): Politikformulierung, Politikimplemenation/-realisierung, Politikbeendigung/ Wirkungen dienen: Während die Policy-Forschung auf eine umfassende Analyse des Policy-Zyklus angelegt ist (und gewissermaßen als Oberbegriff gelten kann), hebt die Implemen­tationsforschung in erster auf den Realisierungsprozess von Politik (und dessen Verknüpfung mit der  Politikformulierung) ab, während die Evaluierungsforschung auf die Wirkungen (und deren  Bedingtheit durch die vorherigen Policy-Phasen) fokussiert ist.

Je nach Durchführungsphase und Aufgabenstellung werden gebräuchlich mehrere Untersu­chungsvarianten und -typen unterschieden:

        Ex-ante Evaluierung zielt darauf, die Wirkungen einer künftigen Politik/Programm/ Maßnahme vorab abzuschätzen (pre-assessment).

        Evaluierbarkeitsabschätzung (evaluability assessment) soll vorab klären, ob die fragliche Politik/Programm/Maßnahme evaluierbar sei.

        Formative (oder in neuerer Diktion on-going) Evaluierung setzt während der Pro­gramm-/Maßnahmenrealisierung, nach Möglichkeit von deren Anfang an ein; sie dient der früh- und rechtzeitigen Rückkopplung (feedback) von (Zwischen-) Ergebnissen an die relevanten (politischen, administrativen und gesellschaftlichen) Akteure, um etwaige Korrekturen noch während der laufenden Programm-/Maßnahmenrealisierung zu ermög­lichen.

Der formativen Evaluierung steht die Begleitforschung nahe, innerhalb derer wiederum zwischen a) einer (distanziert) analytischen, b) einer (zusätzlich) kommunikativen und interaktiven (z.B. die Lernprozesse innerhalb und außerhalb des laufenden Realisierungs­prozesses aktivierenden) und c) einer sich in diesen aktiv einmischenden (intervenie­renden) Begleitforschung unterschieden werden kann; die letztere weist Übergänge zur Aktionsforschung auf.

        Als Monitoring kann eine (laufende) Beobachtung bezeichnet werden, die die interes­sierenden Veränderungen und Wirkungen deskriptiv-analytisch zu erfassen sucht.

        (Ex-post oder summative) Evaluierung wird erst nach Abschluß des politischen Programms/der Maßnahme durchgeführt. Hat sie vor allem die Aufgabe, den Zielerrei­chungsgrad zu ermitteln, ist vielfach von Erfolgskontrolle die Rede. Ist sie darauf gerichtet, die Wirkungen (intendierte Wirkungen des Handlungsprogramms = Ziele ebenso wie nicht-intendierte Wirkungen) zu erfassen und zu ermitteln, ob und inwieweit die beobachtbaren Veränderungen auf das Handlungsprogramm (kausal) zurückzuführen sind, kann von Wirkungsanalysen gesprochen werden. Konzeptionelle Verwandtschaft weist die mit der Wirksamkeit/tatsächlichen Geltung von Gesetzen befasste (meist der Rechtssoziologie zugeschriebene) Rechtstatsachenforschung auf.

        Effektivitätsuntersuchungen fragen (im Wege eines Soll-Ist-Vergleichs) nach dem Zieler­reichungsgrad (Erfolgskontrolle) eines Programms/einer Maßnahme. Demgegenüber sind Effizienz- (oder Wirtschaftlichkeits-)Analysen von Programmen/Maßnahmen darauf gerichtet, das Verhältnis von Input (d.h. den aufgewandten organisatorischen, personellen, finanziellen usw. Ressourcen) und Output (d.h. den erreichten Zielen, Handlungserträgen usw.), also (insoweit den Kosten-Nutzen-Analysen verwandt) die Relation von Kosten und Nutzen zu ermitteln sei es, ob mit gegebenen Mitteln ein maximales Ergebnis erzielt worden ist (sog. Maximumsprinzip) oder ein bestimmtes Ergebnis mit einem möglichst geringen Aufwand und Mitteleinsatz erreicht worden ist (Minimumsprinzip).

Entstehung und Phasen der Politikevaluierung.: Die Politikevaluierung erlebte in den 1960er Jahren (zunächst in den USA, dann in einer Reihe europäischer Länder, darunter auch Deutschland) ihren Aufschwung und eine erste Welle (Wagner/Wollmann 1986, Derlien 1990), als diese Länder in eine Phase interventions- und wohlfahrtsstaatlicher Reformpolitik eintraten und hierbei die Vorstellung einer geplanten und rationalisti­schen Politik Geltung beanspruchte, in der der Politikevaluierung eine zentrale Erkennt­nis- und Lernfunktion für Politik beigemessen wurde und die in einem Schub experi­menteller Politik, auch in der Bundesrepublik, ihren beredten Ausdruck fand (Hellstern/Wollmann 1983). Rasch entwickelte sich die Evaluierungsforschung zu einer regelrechten Wachstumsindustrie (H. Freeman). Über  Regierungs- und politische Strategiewechsel hinweg haben sich Evaluierung und Evaluierungsforschung inzwischen in der Politik- und Verwaltungspraxis auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene als Analyse- und Rückmelde-Verfahren in einem breiten Spektrum von Politikfeldern fest etabliert. Der für die EU-Strukturfonds festgeschriebene Evaluierungsauftrag gab der Evaluierungsforschung neuen Auftrieb. Weitere Anstöße sind von dem gegenwärtigen Verwaltungsmodernisierungsschub (New Public Management, Neues Steuerungsmodell) und seinem Imperativ der Leistungstransparenz staatlichen Handelns zu erwarten (Wollmann 2000).

Methoden: Als Spielart angewandter Sozialforschung macht dieEvaluierungsforschung vom gesamten sozialwissenschaftlichen Methodenrepertoire Gebrauch. Hierbei spiegelt sie die in den (vor allem US-amerikanischen) Sozialwissenschaften ausgetragenen wissenschafts­theoretischen und methodischen Kontroversen in geradezu exemplarischer Weise wider. Waren Diskurs und Praxis der Evaluierungsforschung in den 1960er und 1970er Jahren vom neo-positivistisch-nomologischen Wissenschaftsmodell und dementsprechend von experimen­tellen, quasi-experimentellen und quantitativen Analyseverfahren und -methoden dominiert, so haben in den letzten Jahren ein post-positivistisches, konstruktivistisches und relativistisches Wissenschaftsverständnis und in dessen Gefolge qualitativ-hermeneutische Methoden wachsende Anhängerschaft gefunden (vgl. Guba/ Lincoln 1989: fourth generation evaluation). Gegenwärtig finden in der Evaluierungsforschung ein (dem Wissenschaftstheo­retiker I. Lakatos folgendes) realistisches, am Objektivitätsanspruch und -streben der Wissenschaft grundsätzlich festhaltendes Wissen­schaftsverständnis (Pawson/Tilley 1997) und ein (pragmatischer) Methodenpluralismus (Methodenmix, Wollmann/Hellstern 1977) offenkundig verbreitete Anerkennung und Gefolgschaft.

Institutionalisierung und Finanzierung von Evaluierung/Evaluierungsforschung. Das rasche Vordringen der Evaluierungsfunktion schlug sich seit den 1960er Jahren einerseits im raschen Auf- und Ausbau von mit der Durchführung, Vergabe und Auswertung von Evaluierungsuntersuchungen befassten Verwaltungsteilen innerhalb der Öffentlichen Ver­waltung (in house-Evaluierung) nieder (Derlien 1976). Andererseits gingen Politik und Verwaltung zunehmend dazu über, externe Forschungseinrichtungen (vielfach im Wege offener und beschränkter Ausschreibungen oder aber auch freihändiger Vergabe) mit der Durchführung von Evaluierungsuntersuchungen zu beauftragen (Auftragsforschung) und zu finanzieren (Resortforschungsmittel). Der größte Teil der Auftragsforschung wird vom Sektor der privatwirtschaftlich operierenden Forschungseinrichtungen, ein geringerer Teil von universitären Forschungseinrichtungen bzw. deren an-Instituten bearbeitet. Die Ausbildung einer professionellen Evaluationsgemeinde (evaluation community) fand 1998 in der Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Evaluierung (www.degeval.de) ihren Ausdruck.

Bibliographie

Derlien, Hans-Ulrich 1976, Die Erfolgskontrolle staatlicher Planung, Baden-Baden: Nomos.

Derlien, Hans-Ulrich 1990, Genesis and Structure of Evaluation Efforts in Comparative Perspective, in: Rist, Ray C. (ed.) 1990, Program Evaluation and the Management of Government, New Brunswick/London: Transaction, p. 147 176.

Guba, Y./Lincoln E. 1989, Fourth Generation Evaluation, London: Sage.

Hellstern, Gerd-Michael/Wollmann, Hellmut, (Hg.), (1983): Experimentelle Politik Reformstrohfeuer oder Lernstrategie. Bestandsaufnahme und Evaluierung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Hellstern, Gerd-Michael/Wollmann, Hellmut, (Hg.), (1984): Handbuch zur Evaluierungsfor­schung. Bd. 1, Opladen: Westdeutscher Verlag.

Pawson, Ray/Tilley, Nick, (1997): Realistic Evaluation. London etc.: Sage.

Stockmann, Reinhard (Hrsg.) (2000), Evaluationsforschung, Opladen: Leske + Budrich (i.E.).

Vedung, Evert 1999, Evaluation im öffentlichen Sektor, Wien usw.: Böhlau-Verlag.

Wagner, Peter/ Wollmann, Hellmut (1986), Fluctuations in the development of evaluation research. In: International Social Science Journal, pp. 205-218.

Wollmann, Hellmut/Hellstern, Gerd-Michael 1977, Wollmann, Hellmut/Hellstern, Gerd-Michael, (1977): Sozialwissenschaftliche Untersuchungsregeln und Wirkungsfor­schung. In: Haungs, Peter (Hg.): Res Publica. München, S. 415-466.

Wollmann, Hellmut 2000, Evaluierung von Verwaltungspolitik. In: von Bandemer, Stephan u.a. (Hrsg.), Handbuch zur Verwaltungsreform, 2. Aufl., Opladen (i.E.).

 

: 05 2004
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Wollmann Hellmut


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